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Deo et Musis sacrum Von Albert H. Keil
Es war eine wahrhaft winzige Abiturklasse gewesen, die da im Herbst 1966 am Neustadter Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium die Reifeprüfung abgelegt hatte. Lediglich fünfzehn Schülerinnen und Schüler waren schließlich übrig geblieben von den siebzig, die während acht Jahren und drei Monaten jemals der Klassengemeinschaft angehört hatten. Die verkürzte effektive Gymnasialzeit war allerdings nicht Ausdruck einer kollektiven Hochbegabung gewesen, sondern hatte aus dem ersten von zwei Kurzschuljahren resultiert, mit denen 1966/67 der Schuljahresbeginn vom 1. April um acht Monate auf den 1. August nach vorne gezogen wurde. Im Februar 1958 mussten die Angehörigen des Geburtsjahrgangs 1947/48, dessen Vätergeneration durch den Zweiten Weltkrieg dezimiert worden war oder sich in den Jahren nach Kriegsende noch in Gefangenschaft befand, sich einer Aufnahmeprüfung am damaligen Altsprachlichen Gymnasium unterziehen. Die Eltern der erfolgreichen Prüflinge hatten dann sogar noch eine Zeitlang ein monatliches Schulgeld an die Stadtkasse zu zahlen. Die am 7. April 1958 in „Sexta a“ und „Sexta b“ Gestarteten wurden im Lauf der Jahre mehrmals zusammengelegt und wieder aufgeteilt. Die schließlich fünf gemeinsamen Schuljahre bewirkten, dass unter allen Mitgliedern, die temporär mit etlichen Älteren – unter denen sogar ein 1944 Geborener und zwei aus dem Geburtsjahr 1945 waren – aufgefüllt wurden, ein starkes Zusammengehörigkeitgefühl entstand. Dies äußerte sich nicht allein in der spontanen Bildung von Lerngruppen, sondern beispielsweise auch in etlichen gemeinsamen Schülerstreichen, die von der Lehrerschaft nie aufgedeckt werden konnten. Obendrein war nach der Schulzeit nicht mehr von Belang, ob jemand in Neustadt oder anderswo oder überhaupt ein Reifezeugnis erlangt hatte. Viele ihrer Erzieher hatten an der Vergangenheit zu tragen gehabt, die von Kriegseinsatz, Gefangenschaft oder politischer Einstellung bestimmt gewesen war. Die einen berichteten desillusioniert über Fronterlebnisse, andere über das Gras, das sie 1945 als 16-jährige Gefangene essen mussten, um nicht zu verhungern. Ganz wenige proklamierten immer noch, die Jugend müsse so hart werden, wie sie selbst zu sein glaubten. Interessant erscheint im Nachhinein, dass die zwei Durchgänge des Geschichtsunterrichts jeweils 1932 endeten; denn die Historie des Dritten Reichs, die im Januar 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann, war am KRG kein offizielles Thema. Die Klassengemeinschaft 1958–1966 focht das alles wenig an. Ausgebildet unter dem Motto „Deo et Musis sacrum“ der 1964 zum Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium umgetauften Schule erhob man den Titel von Richard Ziegerts Abiturrede „Dem Menschen Mensch sein“ zum Programm. Und die Klassentreffen in der folgenden Zeit belegten, dass – mitunter entgegen von Lehrerprognosen – aus allen „etwas geworden“ war. Ein kleines Mundartgedicht zur 13. Zusammenkunft anlässlich des 25-jährigen Abiturjubiläums 1991 brachte es in humorvoller Weise auf den Punkt: Hehjefliech
‘s war sexesechzich – Korzschuljohr:
Endlich mol ferdich! Was die Alde
Glaabt ännerm „Circus Ruprecht“ hait –
Nobelpreis sähnem Teddy ähnlich,
Wie steht’s nooch finfezwansich Johr?
Mit Wehmut denk ich an die stolze Plä(n) serick: Jetzt waren weitere 25 Jahre vergangen und das halbe Jahrhundert voll. Beim nunmehr 20. Klassentreffen war die Liste derjenigen, die der Klassengemeinschaft durch Tod verloren gegangen waren, leider noch etwas umfänglicher geworden. Insbesondere seien hier erwähnt der ehemalige Deutsch-, Latein- und Griechischlehrer der Klasse, Horst Reis, der sich 2011 zum „Mitschüler“ erklärt hatte, den man zu duzen hatte, und der 2015 als 86-Jähriger verstorben war, sowie der Arzt Hans Dieter Zuchhold, der wenige Monate vor dem Treffen und kurz vor seinem 68. Geburtstag einer Herzattacke erlegen war. Doch überdauert hatten – der Einfachheit wird jeweils nur die männliche Form verwendet – u. a. Universitätsdozenten für Philosophie, Mathematik oder Augenheilkunde, Juristen (Anwälte, Richter), Theologen sowie Lehrer verschiedenster Couleur. Bei der 50-Jahr-Feier traf es sich perfekt, dass Walter Harth in Personalunion zunächst Klassenmitglied und dann Lehrer am KRG gewesen war. So konnte er in halboffizieller Funktion von Albert H. Keil dessen drei Dutzend gesammelte Ausgaben der Schülerzeitung „Achtung Schule“ aus den 1960er Jahren fürs KRG-Archiv entgegennehmen. Itta und Hermann Heeskens, Tochter und Schwiegersohn des eine Woche zuvor zu Grabe getragenen ehemaligen KRG-Leiters Berthold Emrich, fügten noch das „Wanderbuch“ der Klasse und die aufbewahrten Dankesbriefe der Care-Paket-Empfänger aus der DDR bei. Nach dem stimmungsvollen Nachmittag und Abend wurde an den Organisator die Aufforderung gerichtet: „Mach’s noch einmal, Albert!“ *) © 2016 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein |
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