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Manfred war unser Klassentorwart – und zugleich auch ein klasse Torwart. Als der nasse Tafelschwamm geflogen kam, griff
ihn Manfred aus der Luft, ohne dass es einen Spritzer gab. War seine erste Reaktion noch untadelig, ja lobenswert, so
brachte die Leitung des Gymnasiums für die folgende kein Verständnis auf: Im nächsten Moment warf Manfred, angeblich in
einem Reflex und ohne böse Absicht, den Schwamm zurück. Und das glitschige Ding landete zielsicher im Gesicht dessen, der
Manfred vom Schwätzen mit dem Nebenmann hatte abbringen wollen, nämlich im Gesicht von Dr. Ebeh. Dieser hatte keine
Chance zu reagieren, weil er ganz gewiss nie im Tor gespielt und den „Rückwurf“ auch nicht erwartet hatte – der
zudem nach den damaligen strengen Gepflogenheiten das Ende von Manfreds Karriere an unserer Schule bedeutete.
Dr. Ebeh, Chemie-, Biologie- und Geographielehrer, sprach so gepresst, als ob ihn jedes Wort anekle. Von Gestalt war er klein und dürr, sein Gesicht zeichnete sich durch unzählige Falten und eine gelblich-ungesunde Farbe aus. Letztere verdankte er, wie man in der Schülerschaft munkelte, einer chronischen Malariaerkrankung, die von seinem Kriegseinsatz in Südrussland herrühren sollte. Vermutlich deswegen favorisierte er speziell die Gegend nördlich des Kaukasus, wenn er topographische Fragen stellte – und die bildeten den Hauptinhalt seines Erdkundeunterrichts. Die von ihm so langgezogen präsentierten „Jergeni-Hiigel“ habe ich in der Vor-Wikipedia-Ära nie gefunden; heute weiß ich, dass es sie tatsächlich gibt. Auch das „Songkoi-Becken“ in Vietnam fand sich zu unserer Schulzeit nicht im Atlas, sondern lediglich in Ebehs Fragenkatalog. Genutzt hat mir das vermittelte Wissen um diese und ähnliche geographischen Objekte im späteren Leben nie. Und die Befolgung der Anweisung, dass New York im Deutschen „Neff-i-ork“ zu sprechen sei – „wie man’s schreibt“ –, hätte sich wohl sogar nachteilig ausgewirkt. Ebehs Biologieunterricht zielte besonders darauf ab, dass Hunde als äußerst abscheuliche Tiere einzustufen seien. Jene Einschätzung schlug auch den Bogen zur Chemiestunde: Gegen winterliche Eisglätte solle vorzugsweise rotes Viehsalz gestreut werden, weil dies für die „Hundepoten“ unangenehmer sei als weißes. Schüler bedachte er oft mit Titulierungen wie „Knopfauge“ oder „Hundebelziger“, die auf ihr angebliches Äußeres zielten, und zumindest einigen schien er mit der gleichen Abneigung zu begegnen, die er Hunden gegenüber an den Tag legte. Fachübergreifend lernte man bei ihm auch einiges. Unserem Deutschlehrer jedoch vermittelten wir Aussagen wie die folgende lieber nicht weiter: „Schiller ist der greeßte deutsche Dichter. Gegen den war Geethe ein Stimper.“ Wenn Ebeh klein war, so war sein fahrbarer Untersatz geradezu winzig. Ob der braune Lloyd LP 600, der 19 PS leistete, quer in eine Parklücke passt, mussten etliche „große Schüler“ unbedingt heimlich austesten. Es ging; allerdings konnte der Lloyd, um 90 Grad gedreht und eingezwängt zwischen zwei „richtige“ Autos, erst wieder weggefahren werden, nachdem die beiden anderen Platz gemacht hatten. Bestrafungen in Form von Verweisen, zuweilen gar Hieben setzte es nicht selten und manchmal unter denkwürdigen Umständen. Disziplinierung widerfuhr vor allem denjenigen, denen Ebeh irgend eine wichtige Funktion zugeteilt hatte. So war unser Klassensprecher Richard Z. zuständig fürs Klassenbuch, das zu Beginn der Unterrichtsstunde ordentlich auf dem Katheder zu liegen hatte. In der Quarta, die nunmehr die 7. Klasse ist, ritt den Mitschüler Lutz W. der Teufel: Unbemerkt und direkt nach Richards pflichtgemäßer Inspektion des Klassenbuchs deponierte er quasi als Buchzeiger einen schmutzigen Kamm hinein, der von fettigen Haaren und Schuppen nur so strotzte. Für die Unappetitlichkeit bedankte sich Ebeh mit einem Verweis – bei Richard. Nach zähen Verhandlungen mit der Schulleitung wurde die Maßnahme rückgängig gemacht, aber fortan musste Richard das Klassenbuch vor jeder Ebeh-Stunde an den Buchdeckeln packen und ausschütteln. Der Bindung des Buches bekam die Schüttlung gar nicht, nach einigen Wochen sah das Objekt entsprechend malträtiert aus...
Zweimal war auch ich das Ziel von Ebehs Aktivitäten. Die erste Begebenheit, ebenfalls in der Quarta, entwickelte sich aus
dem eigentlich harmlosen Fall meines Radiergummis unter die damals noch zum Interieur gehörende Vorkriegs-
Vier Jahre später, in der Obersekunda (11. Klasse), saß ich auf Höhe eines Fensters. Deshalb war ich von Ebeh dazu
eingeteilt, selbiges vor der Unterrichtsstunde zu öffnen, um den „Schülergeruch“ zu vertreiben, und während der Stunde zu
schließen, damit der Lehrer sich nicht erkälte. Doch als ich eines Tages krankheitsbedingt fehlte und niemand die
Notwendigkeit sah, Ebeh hierüber zu informieren, blieb das Fenster offen. Nach wenigen Minuten packte Richard B.
Monikas Stockschirm und warf ihn im Stil eines Speer- Neben Hunden und Schülern rechnete Ebeh augenscheinlich auch die Juden nicht unter seine Freunde. Die in Deutschland strebten nach „Entschädigung für angeblich erlittenes Unrecht“, die in Israel waren „Landräuber übelster Sorte“. Als er 1960, ziemlich zu Anfang seiner Tätigkeit in meiner Klasse, die Unruhe im Saal kritisierte, tat er das zweimal mit der Bemerkung: „Wir sind hier doch nicht in einer Juddenschule!“ Nach der Stunde ging ich, knapp dreizehn Jahre alt, hin und erklärte ihm, ich hätte die zwölf nächsten Angehörigen meiner jüdischen Großmutter nie kennengelernt, weil sie von den Nazis umgebracht worden seien. Ebeh sah mich erst verblüfft an, dann meinte er, „das mit der Juddenschule“ würde ich von ihm nicht mehr zu hören bekommen. In meiner Klasse hat er sich daran gehalten. Wie diese Schilderung offenbart, hatte ich während meiner Schulzeit keine allzu hohe Meinung von Ebeh. Freilich liegt meine Reifeprüfung mittlerweile Jahrzehnte zurück, Sturm und Drang meiner Jugend sind der Weisheit und Milde des Alters gewichen. Als ich bei den Recherchen für diesen Artikel erfuhr, dass Ebeh schon 1967, wenige Monate nach meinem Abitur und noch vor seinem 60. Geburtstag, verstorben ist, da habe ich doch ein Vaterunser für ihn gebetet. Ich hoffe, es hat ihm geholfen. Und seinen Namen habe ich hier geändert. *) © 2015 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein |