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Herzwege
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Von Albert H. Keil
Der Mann im Jogginganzug nahm der Frau den Brief aus der Hand, faltete ihn auseinander und las:
Mein lieber Sohn!
Heute vor 50 Jahren wurdest Du geboren. Alle Einzelheiten weiß ich noch, so unauslöschlich haben sie sich in mein Gedächtnis
eingebrannt: Die gnadenlose Hitze des Hochsommers. Der Durst auf meiner Zunge, der mich peinigte. Die Wehen, die sich über
eineinhalb lange Tage hinzogen.
Unsäglich schlimm war es für mich, dass Dein Vater bei der Geburt nicht dabei war. Wie nötig hätte ich seinen Zuspruch
gebraucht – vor allem nachdem meine Eltern sich von mir losgesagt hatten, weil sie nicht mit ihm, nicht mit unserer Beziehung
einverstanden waren. „Der taugt nichts!“, hatten sie mich gewarnt. „Das ist ein elender Lump!“, gellte es mir in den Ohren, als er
sich, kaum eben über meine Schwangerschaft informiert, davonmachte.
Ich aber habe ihn geliebt. Geliebt zuerst mit der ganzen Hingabe und dann mit aller Schmerzlichkeit, zu der eine Achtzehnjährige
fähig ist. Für mich gab es nur ihn oder keinen. Es war für mich auch keine Frage, ich wollte Dich nicht „wegmachen“ lassen, wie
meine Eltern vorschlugen. Fast noch schlimmer als ihre Abwendung traf mich, dass sie ihren Hass auch auf die Familie Deines Vaters
übertrugen. Aus Freunden wurden unerbittliche Feinde, und Feinde blieben sie bis an das Ende ihres Lebens.
Wie glücklich war ich, als die Hebamme Dich hochnahm! Und wie presste es mir das Herz zusammen, als sie, ebenfalls erschöpft, voller Mitleid sagte: „Die
Geburt war zu schwer, er hat es nicht überstanden!“ Und sie haben mich für verrückt gehalten, als ich Dich nicht hergeben wollte, als ich Deinen kleinen
Körper an die Brust legte, die noch nicht wusste, dass Du sie nicht brauchen würdest.
Ich habe nie geheiratet, immer war ich für Dich da: Dein kleines Grab wurde meine Zuflucht. Dort halte ich Zwiesprache mit Dir und Deinem Vater, und
alljährlich zu Deinem Geburtstag schmücke ich es besonders schön. Das Foto von Deinem 21. mit den weißen und gelben Gladiolen steht auf meiner Kommode. Am
Ende der Liegezeit habe ich das Grab gekauft, es ist mein einziger Grundbesitz.
Heute bringe ich Dir diesen Brief. Ich werde ihn unter der Zwergkiefer mit etwas Erde bedecken und mir vorstellen, wie Du ihn liest.
In Liebe Deine Mutter
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Der Mann ließ den Brief sinken und fuhr sich über die Augen. Dann zog er ein Handy hervor und tippte drei Ziffern. Die Stimme, die sich am anderen Ende der Leitung meldete, klang kühl und unbeteiligt: „Polizei. Notruf.“
Der Mann nannte seinen Namen und berichtete: Beim Joggen habe er hier vor dem Friedhofseingang eine Tote gefunden. Eine Frau von 68 Jahren...
Die Stimme des Polizisten, nun etwas Emotion verratend, unterbrach ihn: „Es ist absolut sicher, dass sie nicht mehr lebt?“
„Ja“, sagte der Mann, „ich bin Arzt.“
„Aha. Sie hat Ausweispapiere bei sich?“
„Nein.“
„Woher kennen Sie dann ihr Alter?“
„Sie hielt einen Brief in der Hand...“
„Einen Brief? Etwa einen Abschiedsbrief?“
„Abschiedsbrief – vielleicht. Aber nicht so einen, wie Sie jetzt annehmen. Es war kein Suizid.“
„Sie sind doch Arzt. Können Sie etwas über die mutmaßliche Todesursache sagen?“
„Ja. Es mag unwissenschaftlich sein, aber ich bin fest davon überzeugt: Sie starb, ja, sie starb an gebrochenem Herzen.“
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© 2006 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein
Veröffentlicht in:
Literarischer Verein der Pfalz e. V. (Hrsg.): Neue Literarische Pfalz (NLP), Nr. 38 (2006).
Zweibrücken 2006, S. 8 f.
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