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Das Foto: Im leichten Sommerkleid stand sie vor dem blauen Hibiskus, als ich das erste Bild von ihr knipste. Eine Viertelstunde hatte ich auf sie warten müssen, nun war sie endlich da. Im Stadtpark waren wir verabredet gewesen, drei oder vier Wochen, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Die blaue Blüte, die so perfekt mit dem Muster ihres Kleides harmonierte, hatte ich an einem der Hibiskuszweige abgezupft und ihr ins Haar gesteckt, ehe ich sie bat, sich unter den Strauch zu stellen. Die Polaroid- Das Foto trug ich seither sorgsam verwahrt bei mir, obwohl Irmas Bild stets auch in meinem Herzen war. Zwei Jahre später heirateten wir, während wir unser Haus bauten. Beim Einzug war Irma gerade mit unserem Sohn schwanger. Als er geboren wurde, pflanzte ich im noch kahlen Garten – nein, keinen Apfelbaum, sondern einen 80 Zentimeter großen blauen Hibiskus. Nach zwei Jahren war er schon so hoch gewachsen, dass wir eine hölzerne Bank darunterstellen konnten. Hier saßen Irma und ich an lauen Sommerabenden, warteten, bis Max sich müde gespielt hatte, und amüsierten uns über seine lautlichen Äußerungen. Wenn er zu Bett gebracht war, setzten wir uns oft noch einmal hin und blieben meist sitzen, bis im Nordwesten die Sonne hinter die Rebenhügel hinunterglitt, mal kräftig orangegelb, mal verwaschen rosarot. Dunkle Wolken versuchten wir zu ignorieren, flüchteten erst ins Haus, wenn dickere Tropfen fielen. Es war genügend Zeit zum allabendlichen Ausspannen zwischen Ende Juni und Ende September, wenn der blaue Hibiskus blühte. Als Irma über Müdigkeit zu klagen begann und sich schließlich immer schwächer fühlte, änderte sich schleichend unser Tagesablauf; am Ende wurde unser Leben total umgekrempelt. Selbstverständlich waren die Schulnoten von Max noch wichtig, in Atem hielten uns allerdings Irmas Besuche bei Ärzten und in Kliniken, und wir redeten hauptsächlich über Bestrahlungen, warteten auf den Erfolg unterstützender Diäten und alternativer Therapien. Wie ich die Monate nach der Beerdigung geschafft habe, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Ich glaube, ich hätte Schluss gemacht, wenn ich mich nicht hätte um Max kümmern müssen. Die frappierende Ähnlichkeit des Jungen mit seiner Mutter fiel mir beim Vergleich mit dem alten Foto, das jetzt auf meinem Nachttisch stand, wieder und wieder ins Auge. Neben dem hellgrauen Grabstein hatte ich einen blauen Hibiskus gepflanzt. Ein Farbtupfer neben all dem dunklen Grün auf dem Friedhof. Dort hielt ich mit Irma Zwiesprache, wenn es um die Noten von Max in der Schule ging oder seine Mädchenbekanntschaften, und erzählte mit ihr, als er Abitur machte und danach zum Studium das Haus verließ.
Während Irmas Bild in meinem Herzen lebendig und bunt weiterlebte, verblasste das Foto auf meinem Nachttisch
im Lauf der Jahrzehnte. Deshalb war ich Max dankbar, als er es, wie er sagte, „einscannte“ und auf dem
Computer die Farben auffrischte; ich selbst verstehe ja von dem neumodischen Kram viel zu wenig. Ein
Hochglanz- Seit einigen Monaten sitze ich im Rollstuhl und warte – auf irgend etwas. Haus samt Garten habe ich verkauft, da Max mit seiner Frau 400 Kilometer entfernt lebt und dort mittlerweile ein Eigenheim besitzt. Auf meinem Nachttisch im Pflegeheim steht das Foto, das neue, von Irma mit der blauen Hibiskusblüte im Haar. Daneben aber gibt es noch ein zweites Bild. Es zeigt Nadine, meine dreijährige Enkelin, im Garten ihrer Eltern. In einem hellen Leinenkleidchen sitzt sie strahlend unter dem blauen Hibiskus, den ich für sie gepflanzt habe, kurz bevor ich meinen Schlaganfall erlitt. *) © 2016 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein
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