„Betrug am Lehrer“ *)

Rückblick auf einen Lehrer von Albert H. Keil

„Habe ich euch erwischt, wie ihr den Lehrer betrügen wollt!“ Die schneidende Stimme schreckte uns aus unserer Hochstimmung, uns, zwei Schüler der Sexta, also der ersten Gymnasialklasse. Gerade waren wir damit beschäftigt, auf einem Bombengrundstück (der Zweite Weltkrieg lag 1958 erst 13 Jahre zurück) nahe unserer Neustadter Schule wunderschöne Hirtentäschelkraut-Pflanzen auszugraben. Wir brauchten sie für den Biologieunterricht in der ersten Stunde, und ich hatte dem zweiten Betroffenen, meinem Vetter und Banknachbarn Franz, vorgeschlagen, die Pflanzen von eben jenem verwilderten Grundstück zu holen und nicht auf die mickrigen aus dem Wingert hinter unserem Wohnhaus in Mußbach zurückzugreifen.

Die Stimme, die unserem Biologielehrer Kaha-Ell gehörte, fuhr aufgebracht fort: „Ich hatte euch in der letzten Stunde aufgegeben, von zu Hause Hirtentäschelkraut mitzubringen! Ihr habt das vergessen und wollt mich nun betrügen!“ Für Franz und mich stürzte eine Welt zusammen: Da hatten wir etwas besonders gut machen wollen, und jetzt wurden wir als Betrüger gebrandmarkt! Anschließend, im Unterricht, stellte Kaha-Ell uns vor der gesamten Klasse bloß und kündigte uns obendrein einen Verweis „wegen Betruges am Lehrer“ an.

Als die Ordnungsmaßnahme unseren Eltern ins Haus flatterte, setzten sich unsere Väter zusammen. Gemeinsam schrieben sie einen Brief an die Schulleitung, in dem sie sich zuvörderst weigerten, die Verweise hinzunehmen. Es könne ja wohl nicht sein, dass zwei Schüler, die ihre Aufgabe „mitdenkend“ erledigt hätten, dafür bestraft würden! Bestraft von einem Lehrer, über den man sich auch noch beim Bischöflichen Ordinariat in Speyer beschweren werde! Denn der bringe seinen Schülern im Biologieunterricht bei, der Mensch stamme vom Affen ab! Solche Leugnung der biblischen Schöpfungsgeschichte könne von einem katholischen Lehrer nicht hingenommen werden! Deshalb würden sie als Väter erwägen, ihm durch das Bischöfliche Ordinariat die Missio Canonica entziehen zu lassen – die Pflicht und Befugnis eines jeden katholischen Lehrers zur Erteilung von Religionsunterricht. Dass ein Biologielehrer wohl nie beauftragt würde, Religion zu unterrichten, tat nichts zur Sache; schon den Hinweis auf einen Antrag zum Entzug der Missio musste Kaha-Ell als ehrenrührig empfinden.

Der Brief hatte doppelten Effekt: Die Verweise wurden zurückgenommen, und Kaha-Ell ließ von da an Franz und mich seine tief empfundene Abneigung spüren. Mein Vetter wechselte nach wenigen Monaten auf eine andere Schule, ich hingegen hatte Kaha-Ell bis ins Abitur zu ertragen. Da nützte es mir nichts, dass ich sein bester Biologieschüler war, dass ich sorgfältige Stundenprotokolle verfasste, von denen ein Großteil der Klassenkameraden profitierte, dass ich die Mikroskope verwaltete und bei ihrer Anwendung gegebenenfalls den Mitschülern zur Seite stand – mehr als eine Zwei im Zeugnis war für mich nicht drin.

Obwohl ich in der Oberprima nach den schriftlichen Arbeiten wieder einmal auf Eins stand, versah Kaha-Ell die Vornote mit einem „Minus“ und zwang mich so in die mündliche Reifeprüfung. Dort lief zunächst alles bestens. Doch dann legte der Lehrer mir ein Problem vor, das die Vererbungslehre betraf, die wir mehr als zwei Jahre zuvor behandelt hatten. Heute weiß ich nicht mehr genau, wie die Frage lautete; auf jeden Fall jedoch wäre entwederMorganoderMuller“ als Antwort richtig gewesen. Noch heute sehe ich Kaha-Ells triumphierendes Grinsen und höre den gespielt bedauernden Ton, als ich mich für den falschen Vererbungsforscher entschieden hatte: „Nein, Herr Keil, für eine Eins reicht das leider nicht, da hätte alles stimmen müssen!“

Einen Trumpf hatte ich noch. Vorne saß nicht nur die Lehrerschaft meines Gymnasiums, sondern, weil der Sohn des Direktors mein Klassenkamerad war, auch ein Prüfungskommissar vom Kultusministerium in Mainz. Darum entgegnete ich: „Herr Kaha-Ell, Sie wünschten doch, dass ich Biologie studieren solle. Das geht nun nicht mit der Zwei, die Sie mir soeben verpasst haben!“ An Kaha-Ells puterrotem Kopf sah ich, dass der Hieb gesessen hatte. Und als ich wenige Wochen später für meinen letzten Artikel als „Sportredakteur“ der Schülerzeitung ACHTUNG SCHULE das Fußballspiel „Lehrer gegen Schüler“ beobachtete, da verweigerte Kaha-Ell mir anschließend den Handschlag.

Vier Jahre nach dem Abitur – 1970 – schlenderte ich mit meiner damaligen Freundin und späteren Frau durch meinen Geburtsort, als ein VW Käfer mit vier Insassen vorbeifuhr. Ich wies hinterher: „Guck mal, mein Biolehrer mit Familie!“ Im gleichen Augenblick drehten sich die Köpfe der Beifahrerin und der beiden Kinder zu uns um. Ich konnte mir ungefähr denken, was Kaha-Ell zu seinen Angehörigen gesagt hatte: „Schaut mal, da geht der Keil mit seiner Freundin…“

Ob Kaha-Ell seine Einstellung zu mir bis zu seinem frühen Tod mit Mitte 50 geändert hat, ob er überhaupt noch jemals an mich gedacht hat – ich weiß es nicht. Immerhin ist die Biologie zwar nicht mein Studienfach geworden, allerdings blieb sie für mein weiteres Leben ein schönes Hobby, und Biologie studiert haben meine drei jüngeren Schwestern.

*) © 2017 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein