Rückblende:
Zweihundertfünfzig Jahre Laurentiuskirche *)

Festgedicht von Albert H. Keil

Vor just zweihundertfünfzig Jahren
– die Zeiten gut und alt noch waren –
ein Bischof, Graf von Schönborn hieß er,
regierte Worms, galt als Genießer.
Der sprach zu sich: „Als Fürstbischof
halt’ zwar zu Worms ich prächtig Hof,
doch meinem Sommerdomizil
zu Dirmstein fehlet noch gar viel.
Die alte Kirche, zum Exempel,
nicht würdig ist für Gott als Tempel.
Und auch den Brüdern und den Schwestern,
die Luther von uns trennte gestern,
ermangelt es an heil’ger Halle.
Ich baue eine Kirch’ für alle!“

Er stellte sicher Geldesmittel,
berief dann ein das Domkapitel
samt Generalvikar, Prälaten
und sonstigen, die Ämter hatten.
Consilium nun im Kirchenschiff,
der Dompropst dort das Wort ergriff:
„Erlaubet bitte, Excellenz,
mir eine einzige Sentenz!
Zu Würzburg wirket da ein Meister,
ein Neumann Balthasar, so heißt er.
Der bauet, so Ihr zahlen wollt,
ein Gotteshaus als Traum in Gold.“

Graf Schönborn nochmal drüber schlief –
und sandte Neumann diesen Brief:
„Wir hörten es mit Wohlgefallen,
dass Gott Ihn präferierte allen
und Ihm verlieh die Wundergaben,
zu bauen edel und erhaben.
Zu Dirmstein Seine Kunst tät’ not,
es fehlet ein Gemach für Gott.
Dabei wird sicher gern Er hören:
Kein Bauamt soll die Arbeit stören!
Wenn Er es zeitlich machen kann,
so nehm’ Er das Mandatum an.“

Nach knapp zwei Wochen kam zurück
des Meisters Neumann Briefreplik.

Er schrieb: „Hier protegieret mich
ja Euer Bruder gnädiglich.
Deshalb ich Euer Excellenz
erweise höchste Reverenz.
Verzeihet, dass ich schon gebunden.
Indes, die Lösung ist gefunden:
Schaut Euch die große Rolle an,
darin Ihr findet meinen Plan.
Mit diesem Eure Handwerksmänner
– so Ihr mit Sorgfalt wählet Könner –
errichten eine Gottesstätte,
die nirgends ihresgleichen hätte:

Zwei Dritteil’ für die Katholiken,
die bei der Mess’ nach Osten blicken,
ein Dritteil für die Protestanten,
die einstmals sich vom Papste wandten,
und innen eine Wand dazwischen,
aufdass die Beter sich nicht mischen.
Von außen sieht das Gotteshaus
wie eine einz’ge Kirche aus.
Falls Euch an dem Contractum lieget:
Die Nota hab’ ich beigefüget.“

Dem Fürstbischof gefiel der Plan,
drum wies er die Bezahlung an,
vergab auch die Gewerke flugs,
und langsam in den Himmel wuchs
die neue Kirche. Nach vier Jahren
die Handwerksleute fertig waren.
Zum Kirchweihfest war’n alle da,
von weiter her und von ganz nah,
um zu bewundern all die Pracht,
die Menschenfleiß für Gott gemacht.
Der Bischof auf geschmücktem Thron
die Kirche weihte dem Patron
Laurentius, der voll Mut sein Leben
als Märtyrer dahingegeben.

Zweihundertfünfzig Jahre Bangen
und Hoffen sind seither vergangen.
Damit man besser hör’ die Glocken,
ließ auf den Turm man später stocken.
Bis heute St. Laurentius steht
als unser steinernes Gebet.
Und wie die Kirche gibt es weiter
auch drin die Trennwand – ich sag: leider!
Drum freut mich solch ein Anlass hier –
weil all’ auf einer Seite wir!

*) 1746–1996: 250 Jahre Barockkirche St. Laurentius zu Dirmstein,
Festakt des Kulturvereins „St. Michael“ Dirmstein am 16. November 1996

© 1996 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein


Anklicken zum Vergrößern: Barockkirche St. Laurentius in Dirmstein (Foto: Keil)

Barockkirche St. Laurentius in Dirmstein