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Die erste Sekunde der Ewigkeit *) Von Albert H. Keil
„Mama“, sagte das kleine Mädchen in Frankenthal, „Mama, das goldene Viereck da auf dem Boden, was ist denn das?“ „Das ist ein Stolperstein, mein Kind.“ „Mama, was ist ein Stolperstein?“ „Eigentlich ist es kein Stein, sondern eine kleine Metallplatte im Gehwegpflaster, auf der ein Name steht.“ „Und was ist das für ein Name, Mama?“ „Der gehört zu einem Menschen, der vor 60, 70 Jahren in dem Haus gelebt hat, vor dem wir stehen. Eines Tages wurde er von Leuten abgeholt, die ihn mit ihren Waffen bedroht haben. Man hat ihm seine Wohnung weggenommen und alles, was ihm gehörte. Dann wurde er mit vielen anderen in einen Güterwagen gesperrt, wie Vieh. Er wurde in ein Lager gebracht, wo er ohne Lohn und ohne ausreichendes Essen arbeiten musste. Nachdem er dies alles und auch noch die Misshandlungen seiner Bewacher überlebt hatte, pferchte man ihn schließlich mit den anderen Übriggebliebenen in eine enge Kammer. Dann wurde so lange giftiges Gas hineingeblasen, bis sie keine Luft mehr zum Atmen hatten. So wurden sie alle umgebracht.“ „Warum haben die Leute das getan?“ „Die obersten Politiker sagten, man müsse solche Menschen ausrotten, weil sie eine andere Religion hätten oder aus einem fremden Land stammten.“ „Und da haben die Leute mitgemacht?“ „So richtig mitgemacht haben wohl die wenigsten, doch immer noch genug, dass es geschehen konnte. Viele, vor allem die Nachbarn, haben es gesehen und weggeschaut, weil sie nicht auffallen wollten. Und noch mehr werden gar nicht hingesehen haben, weil es ihnen gleichgültig war, was mit ihren Mitmenschen passierte. Aber sicherlich hören manche noch heute die Schreie, vor denen sie damals ihre Ohren verschlossen haben.“ „Mama, ich wäre nicht still gewesen, ich hätte was gemacht.“ „Das weiß ich. Und damit so etwas Furchtbares nie wieder vorkommt, will der neue Bewohner dieses Hauses mit der Platte an seinen Vorgänger erinnern.“ „Mama, ist es nicht schrecklich für den armen Menschen, dass wir jetzt auf seinem Namen herumlaufen?“ „Nein, Kind. Schrecklich war für diesen Menschen, dass er seinen Besitz, seine Ehre und am Ende sein Leben verloren hat. Deshalb ist es gut, wenn wir heute über seinen Namen gewissermaßen stolpern. Denn schon ich habe nicht selbst erlebt, was ich dir erzähle, und du und andere Kinder, ihr erfahrt es nur, weil ihr so klein seid und näher an den Stolpersteinen dran als wir Erwachsene. Dass der Name dieses Menschen nicht vergessen wird, dies sind wir ihm schuldig, und unseren Kindern sind wir schuldig, dass so etwas in alle Ewigkeit nicht mehr geschieht.“ „Ewigkeit – Mama, wie lange dauert das?“ „Stell dir vor, mein Kind: Wir laufen über diesen Stolperstein hinweg, und morgen tun das andere und übermorgen wieder welche. Mit jedem Drüberlaufen wird die Platte ein bisschen abgenutzt und der Name undeutlicher. Wenn man einst den Namen gar nicht mehr lesen kann, dann ist die erste Sekunde der Ewigkeit vorbei...“
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Erster öffentlicher Vortrag am 12. April 2005 © 27. Mai 2004 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein |
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