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Des Efeus lange Arme
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Hochdeutsche Fassung → Pfälzische Urfassung Von Albert H. Keil Wie genau ich mich noch an die Empfindungen erinnere, die mich überkamen, als ich das Haus betrat: Knallweiß die Fassade, die Sonne lag darauf – aber der Efeu, der irritierte mich; dunkelgrün kroch er die Wand empor bis zum vorletzten Stockwerk. Kein Problem, hieß es bei der Voruntersuchung, alles Routine, sagten sie, während mir die Infusion für die Narkose angelegt wurde. Als ich wieder aufwachte, war alles still. Ich wollte mich umsehen – und konnte mich nicht bewegen. Rufen wollte ich – meine Lippen rührten sich nicht. Was ist da los? Auf einmal steht vor meinem Bett eine im hellgrünen Kittel – eine Krankenschwester. „Er hat die Augen offen!“, rief, nein schrie sie, und dann stürzten noch mehr Leute herein. Bereits wieder halb im Schlaf kriege ich mit, ich hätte seit bald drei Monaten im Koma gelegen, und bin erneut weg. Nach dem nächsten Aufwachen – eine Woche später – erfuhr ich, dass sie mich inzwischen ein weiteres Mal untersucht hätten. Mein EEG würde jedoch „absolut keine Ausschläge mehr“ verzeichnen, mein Großhirn sei „klinisch tot“. Selbstverständlich sprach der Arzt nicht mit mir, sondern erklärte das Ganze Doris. Ja, Doris war da! Sie schniefte ein wenig und tätschelte mir das Gesicht. Bei dieser Gelegenheit sah ich sie zum letzten Mal. Die Oberschwester meinte zu einer Kollegin, sie könne das durchaus verstehen: Eine so junge Frau möchte nicht neben einem „Krüppel“ leben, neben einem „Krüppel“, der daliege wie ein lebloses Stück Fleisch, der nichts mehr registriere, der stur geradeaus schaue. Ich hätte aufspringen und ihr aufs Maul schlagen mögen. Sonst ist sie ganz nett, die Oberschwester. Am liebsten ist mir die Lernschwester. Wenn die mich wäscht, dreht sie mich ganz behutsam um, weil sie mir nicht wehtun will. Und manchmal, wenn sie mich da unten anfasst, stelle ich mir vor, ich würde tatsächlich etwas spüren; und dennoch ist es lediglich die Erinnerung an Doris’ Hände… „Macht doch noch einmal ein EEG“, plärre ich ab und zu, plärre ich in mich hinein, „ich bin ja wieder da!“ Statt dass mir jemand hilft, erzählt die Lernschwester von ihrem Freund und denkt, ich würde nichts mitbekommen. Sie öffnet das Fenster, draußen singen die Vögel, und sie sagt: „Schade, es wäre so schön, wenn Sie das hören könnten!“ An Sommerwochenenden laufen im Rundfunk Übertragungen von leichtathletischen Wettbewerben. Bis jetzt hat keiner gemerkt, dass mir beim Hürdensprint immer die Tränen übers Gesicht laufen. Warum nur hat mich der Fersensporn gestört…? Unlängst war ein Vetter da. In meiner Gegenwart fragte er den Arzt, ob es nicht humaner wäre, einfach den Schlauch aus meinem Magen herauszuziehen. Der Arzt erwiderte: „Er hat ja keine Schmerzen, er kann uns eben keine Antwort geben.“ Ob ich überhaupt eine wüsste? Gelegentlich vergisst eine der Pflegerinnen, abends mein Fenster zu schließen. Dann ist es besonders schlimm. Es könnte doch, nachdem ich seit einem Jahr hier regungslos im Bett liege, der Efeu schon heraufgewachsen sein bis zu meiner Etage. Und während ich warte in der Schwärze der Nacht, ist es mir, als ob ich sie fühlen müsste: Sie kommen angeschlichen, dunkel und dünn und gefährlich. Sie fangen mich ein, halten mich fest und lassen mich nicht mehr los – des Efeus lange Arme. *) © 2003 by Verlag PfalzMundArt, Dirmstein |
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